Sonntag, 22. Dezember 2013

[Rezension] Tomek Tryzna - Fräulein Niemand

 

Auf dieses Buch bin ich nur durch Zufall aufmerksam geworden. Es war mal wieder einer dieser Tage, an dem ich mich durch Amazon und seine Lieblingslisten wühlte, in der Hoffnung, schöne Werke auf meinen Wunschzettel setzen zu können. Im Zentrum der Geschichte stehen vor allem nicht einfache, pubertäre, innige Mädchenfreundschaften, im Polen der 80er/90er.

Die Hauptperson in dem Roman ist die 15-Jährige Marysia, die mit ihrer Familie vom Land in eine mittelgroße Stadt in eine Plattenbauwohnung zieht und kurz vor ihrem Schulabschluss steht. Marysia bemerkt in der Schule, dass die Jugendlichen ganz anders sind, als in ihrer Heimatstadt: Modischer, wohlhabender und exzentrischer. Das einzige und erste Mädchen, zu dem Marysia richtig Kontakt aufbaut, ist die Außenseiterin Kasia. Kasia ist die Tochter einer Ärztin und komponiert in ihrem Zimmer mit Synthesizer und Trommeln Musik. Marysia ist fast immer bei ihr und erfindet sogar Lügen, um bei Kasia sein zu können. 
So steht sie vor ihrem ersten großen inneren Konflikt. Ihre übergewichtige, kranke Mutter, die sich um den Haushalt und vier weitere Geschwister kümmern muss, sowie ihr Vater, der entweder arbeitet, trinkt oder schläft stehen auf der einen Seite, ihre neue beste Freundin Kasia auf der anderen. Immer häufiger entscheidet sie sich für Kasia und es folgen Verbundenheit, Liebesschwüre, und ein "Wir-gegen-den-Rest-der-Welt"-Gefühl. Als Leser ist man jedoch immer mehr besorgt um die Protagonistin: Immer häufiger ist sie den Wutanfällen und abschätzigen Bemerkungen Kasias ausgesetzt. Obwohl sich die beiden auf eine freundschaftliche Art unendlich doll zu lieben scheinen, ist im nächsten Moment deutlich zu sehen, wie die Macht in dieser Beziehung verteilt ist. Kasia, die sich wie eine Zigeunerin kleidet, verlangt von Marysia, sich auch so zu kleiden, Marysia soll ihren katholischen Glauben und all ihre Moralvorstellungen hinterfragen, da Kasia sie verachtet und darauf nur mit Spott und Zynismus reagieren kann. Wieder steht Marysia somit vor einem Konflikt: Gott und Moral oder Kasia. Doch diesmal verliert Kasia. Die beiden gehen im Streit auseinander. Und Kasia bleibt der Schule fern. 
Daraufhin kommt die schöne, mit Kasia verfeindete, Ewa auf Marysia zu und sie werden Freundinnen. Ewa kommt aus einem reichen Elternhaus und Marysia lernt all die Dinge kennen, die sie selber nie hatte: Luxus, Parties und die Aufmerksamkeit der Männer. Zwischen Ewa und Marysia entwickelt sich ebenso schnell eine innige Beziehung, in der die Macht ständig zwischen den Beteiligten hin und her geschoben wird. Durch Ewa wird Marysia selbstbewusster und erkennt ihre weibliche Seite, was sie aber auch dominanter und aggressiver macht. Es folgen Machtspielchen, gegenseitige Abhängigkeit, sowie der Hang zu einer homosexuellen Beziehung.
Mit einem Brief taucht die fast verdrängte Kasia plötzlich wieder auf und bittet Marysia, wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ein letzter großer Konflikt steht Marysia bevor: Sie muss sich zwischen ihren beiden Freundinnen Kasia und Ewa entscheiden, doch es kommt anders als erwartet und Eifersucht, Liebe, Intrigen und Verrat bringen Marysia dazu, sich ganz anders, als sonst, zu entscheiden...

"Fräulein Niemand" ist ein Buch, das mich seit langem mal wieder wirklich gefesselt hat. Es ließ sich sehr flüssig lesen und ich war regelrecht an mein Bett gekettet, um zu erfahren, wie es nun weiter geht. Da ich mein Buch gebraucht gekauft hatte und es sich dabei um eine erste Auflage handelte, bemerkte ich hier und dort den ein oder anderen Druck- oder Rechtschreibfehler. Etwas verwirrend und manchmal auch lang waren die Tag- und Nachtträume von Marysia. Die Traumsequenzen scheinen in dem Roman aber die einzigen Szenen zu sein, in denen man die "echte" Marysia kennen lernt. Dort kam zum Vorschein, wie sie sich selber in dem ganzen Gefüge sieht, wer sie zu sein glaubte, sein wollte, und wer sie nicht ist. Marysia, die sonst eher passiv auf den Leser wirkt, so als würde sie nur von ihren Freundinnen mitgezogen und gesteuert werden, offenbarte sich in ihren Träumen sich selber und dem Leser und wurde somit für kurze Zeit eine handelnde, sprechende, denkende Person, wo sie teilweise eher leblos und kalt wirkt.
Das Buch liest sich wie ein Film, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der Autor nicht nur Schriftsteller, sondern auch Regisseur ist und außerdem Drehbücher schreibt. Somit liest sich sein Werk in einem schnellen, aber angenehmen Tempo.

Im Internet habe ich mal gelesen, dass die Mädchen verschiedene gesellschaftliche Zustände oder Gruppierungen des damaligen Polens darstellen sollten. Dazu kann ich leider nicht viel sagen, da ich nicht allzu viel über die Geschichte und Gesellschaft Polens weiß. Für mich las sich dieser Roman eher als ein sehr gut inszeniertes psychologisches Drama, das die seelischen Abgründe drei junger Mädchen aufzeigt, wie sie durch andere und durch ihr Umfeld geformt werden können, welch negative Gefühle mitschwingen, wenn man liebt und was emotionale Abhängigkeit bedeuten kann.

Fazit: Kann sich absolut in der Reihe meiner Lieblingsbücher sehen lassen. 5 Sterne!


Kommentare:

  1. Hi Erina,
    ich habe auch gleich gedacht: klingt psychologisch gesehen sehr vielschichtig.
    Ich gebe zu, das Buch hätte ich mir im Normalfall wohl nicht angesehen, weil es nicht gerade meinem Beuteschema entspricht (mal abgesehen von meiner Präferenz für Jugendbücher interessiert mich die polnische Gesellschaft nicht so dolle :-P), aber du hast es mir tatsächlich schmackhaft gemacht :-)
    Liebe Grüße

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    1. Freut mich, es dir schmackhaft gemacht zu haben! :-)
      Vielleicht lese ich ja irgendwann mal eine Rezension von dir! :-)

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