Freitag, 3. Januar 2014

[Rezension] Donna Tartt - Die geheime Geschichte


Puh. Endlich fertig. Dieser Roman hat mich ziemlich viel Zeit gekostet und nun muss ich schauen, was für ein Urteil ich über diesen ablegen werde. Denn während des Lesens und auch danach hatte und habe ich gemischte Gefühle.

"Die geheime Geschichte" wird oftmals als Krimi vorgestellt. Dieser Einordnung würde ich nicht zustimmen, denn die Handlung lässt sich im Grunde so beschreiben: Richard Papen, ein Griechisch-Student aus Kalifornien bewirbt sich am Hampden College in Vermont und wird in die Griechisch-Klasse von Professor Julian Morrow aufgenommen, in der nur fünf andere Studenten, abgeschieden vom restlichen College-Leben, studieren. Seine Mitstudenten Henry, Francis, Edmund, genannt Bunny und die Zwillinge Charles und Camilla sind alle mehr oder weniger wohlhabend, im Gegensatz zum Ich-Erzähler Richard, doch er wird schnell Teil dieser Clique. Die Clique bringt Bunny um, was zum zentralen Punkt der Geschichte wird.

Bereits im Prolog wird klar, dass Bunny von seinen Freunden umgebracht wurde und tot im Schnee liegt. Meiner Meinung nach nimmt diese Info, die der Leser bereits der ersten Seite entnehmen kann, dem Buch das Krimi-Element. 
Auf 572 Seiten erfährt man, wie es dazu kommt, dass die Clique ihren Freund Bunny umbringt, ob sie damit ungestraft davon kommen und wie es ihnen nach dem Akt ergeht. 
Während sich Richard mit der Clique anfreundet, wohnt der Leser vielen Treffen und Besäufnissen der Clique bei. Ich habe mich aus mehreren Gründen damit manchmal wirklich schwer getan. Denn vor allem zu Beginn des Romans wirken Richards neue Freunde sehr kühl oder auch "cool" und sehr verschlossen. Nie, wirklich nie, herrschte in dem Buch mal eine fröhliche Stimmung. Vom Anfang bis zum Ende herrschte eine melancholische Stimmung, so als ob durchgehend dunkelster November wäre.  Wenn das von der Autorin gewollt war, so ziehe ich meinen Hut. Dies ist ihr auf jeden Fall sehr gut gelungen! Als Leserin hätte mich aber wirklich interessiert, warum alle so furchtbar melancholisch sind. Was sind ihre Geschichten? Man erfährt nur sehr wenig über die Vergangenheit der Charaktere.

Außerdem wusste ich manchmal gar nicht, in welcher Zeit das Buch denn nun spielte. Die kühle Art der Personen, die Liebe zum Altgriechisch, dieses ganze Bohème-Getue, ließ mich manchmal denken, dass die Geschichte irgendwann zwischen 1900 und 1930 angesiedelt ist. Nach und nach, durch kleine Indizien, erfuhr ich dann, dass die Geschichte wahrscheinlich in der Zeit 1980-1990 spielt. 
Die, vor allem zu Beginn des Romans, eingestreuten altgriechischen oder französischen Zitate wirkten auf mich sehr aufgesetzt, ja möchtegern-Intellektuell und störten teilweise auch den Lesefluss. Einige Szene wirkten aufgebläht und ich dachte mir: "Warum muss die Autorin schon wieder ein Besäufnis beschreiben, bei dem sich die Protagonisten über nichts im Prinzip unterhalten und warum müssen jetzt schon wieder irgendwelche Beruhigungspillen, Downer, Upper, Gras, Schnaps undsoweiter eingenommen werden, ohne, dass es der Handlung oder der Charakterentwicklung dienlich ist?" Auch die Verweise auf Philosophie und große Schriftsteller fand ich teilweise eher unnötig. Beim Lesen kam es mir wirklich manchmal vor, als fände sich die Autorin ziemlich cool.
Beim Lesen stockte ich teils durch die Seiten und andererseits las sich das Buch sehr flüssig, was wahrscheinlich am Schreibstil der Autorin liegen könnte. Angeblich habe sie für das Buch 7 Jahre gebraucht, was man am Schreibstil merkt: Mal macht sie ständig Verweise auf Literatur und Philosophie und baut fremdsprachige Zitate ein, mal schreibt sie ganz nüchtern, in kurzen Sätzen, einige Kapitel später wurden ihre Sätze länger und beinhalteten Nebensätze und auch sprachlich wurde das Buch irgendwann komplexer, indem sie Metaphern, Bilder, Vergleiche und andere Stilelemente einfügte, um bestimmte Situationen (wie die Wirkung diverser Medikamente) zu verbildlichen.
Manchmal war mir nicht klar, warum sie bestimmte Situationen entstehen ließ, die sich dann nicht weiter auswirkten, oder denen keine Handlungen folgten: Warum küsste Camilla Richard? Und warum wurde er auch von Francis geküsst und wie geht es nun damit weiter? Überhaupt: Was fühlen die Charaktere und was denken sie über bestimmte Situationen? Über Gefühle konnte ich nicht allzu viel lesen. Die emotionalen Konsequenzen von Bunnys Tod drückten sich erst später in einer kleinen Tragödie aus. Jedoch nicht offen ausgesprochen, sondern in verstörenden Taten.
Auch erfährt man, dass alle ein besonders enges, väterliches Verhältnis zu ihrem Professor "Julian" haben. Jedoch erst zum Ende der Geschichte. Teilweise war ich völlig überrumpelt davon, wie sehr sie ihren Prof liebten, wo er während des Romans doch kaum auftritt. Hier hatte ich das Gefühl, dass Professor Julian eigentlich eine besondere, wichtigere Rolle haben sollte, dass die Autorin es nur versäumt hat, ihn auszubauen, oder irgendwer bestimmt hat, wichtige Stellen mit ihm zu streichen. 

Trotz alledem fand ich die Geschichte irgendwie spannend, auch wenn sie jetzt kein Page-Turner war. Auch wenn die einzelnen Personen sehr vom Leser entfremdet und kühl waren, versuchte ich mich, irgendwie in sie hinein zu fühlen und ich wollte stets wissen, wie es weiter geht. Besonders zum letzten Drittel des Romans, wenn Bunny bereits tot ist, blüht die Geschichte erst richtig auf. Vorher fühlt sich vieles, wie gesagt, unnötig aufgebläht an.

"Unversehens hatte ich eine Vision: Ich sah ihn zwanzig Jahre später, fünfzig Jahre später, im Rollstuhl. Und mich selbst, ebenfalls älter, wie ich mit ihm in irgendeinem verräuchertem Zimmer herumsaß und wir diese Auseinandersetzung zum eintausendsten Mal wiederholten. Früher einmal hatte mir der Gedanke gefallen, daß die Tat uns zumindest miteinander verband; wir waren keine gewöhnlichen Freunde, sondern Freunde, bis daß der Tod uns scheiden würde. Dieser Gedanke war in der Zeit nach Bunnys Tod mein einziger Trost gewesen. Jetzt widerte es mich an zu wissen, daß es keinen Ausweg gab. Ich war an sie gekettet, an sie alle, für immer."

Fazit: Trotz der vielen Kritikpunkte mochte ich die Geschichte und deren tragischen Verlauf. 
3 Sterne!




Kommentare:

  1. Hey:)
    Ich dachte, ich beantworte idr mal die Fragen zur Rebuy-CHallenge, die du mir gestellt hast:)
    Es ist so, dass für jede Runde ein neues Thema genannt wird. Das BUch darfst du dir aussuchen, aber es muss halt ins THema passen. Außerdem darf es noch nicht gelesen sein (muss also zuerst gelesen werden) und muss mindestens 300 seitenlang sein:)
    Und ja, es gibt sachpreise zu gewinnen. Der erstplazierte darf sich aus dem rebuy langer eine stunde lang so viele Bücher aussuchen, wie er tragen kann:) der zweite und dritte platz bekommt ein überraschungspaket mit büchern:)
    Wenn du noch fragen hast, les dir doch einfach die teilnahmebedingungen durch, da steht alles drin:)
    LG
    Celine

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  2. Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich diesen Roman gelesen habe, aber damals mochte ich ihn sehr, obwohl ich ihn ein wenig seltsam fand. Nun denke ich mir schon seit Jahren, dass ich ihn vielleicht noch einmal lesen möchte, aber ich wage es einfach nicht, weil ich befürchte, dass ich ihn inzwischen nicht mehr mögen würde.
    Dass die Figuren sehr weit entfernt sind, habe ich auch so in Erinnerung, aber es hat mich damals nicht gestört. Auch das würde ich vielleicht inzwischen anders sehen.
    Ach ja, mal sehen, ob ich den Roman jemals wieder lese ....

    LG Neyasha

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    1. Ja, das könnte passieren. Wenn du ihn damals mochtest und du dich nun vor einem zweiten Lesen fürchtest, weil du ihn eventuell nicht mehr mögen könntest, vielleicht solltest du dann einfach die schöne Erinnerung an den Roman beibehalten? :)
      Die Charaktere sind die meiste Zeit wirklich sehr kühl und man erfährt sehr wenig über sie, finde ich, was es schwierig macht, einen intensiven Zugang zur Geschichte zu finden.
      Trotzdem wäre es interessant eine Rezension von dir zu lesen. Vielleicht kommt es ja doch noch mal dazu. :)

      LG

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