Mittwoch, 15. Januar 2014

[Rezension] Patrick Süskind - Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders


"Das Parfum" von Patrick Süskind gehört mittlerweile wohl zu den bekanntesten, deutschen Werken und wohl auch zu den beliebtesten. Man braucht nur mal im sozialen Netzwerk seines Vertrauens die Lieblingsbücher seiner Freunde durchsehen, so findet man bei jedem zweiten, ja sogar bei denen, die sonst nie lesen, das Buch "Das Parfum". Das ist irgendwie ein Phänomen. 
Als ich vor kurzem in der Stadtbücherei war, konnte ich das Buch in einer Ecke ausrangierter Bücher für wenig Geld mitnehmen und dachte mir: "Guckste jetzt mal, warum um dieses Buch ein solcher Wirbel gemacht wurde".
Klar ist natürlich, dass die Verfilmung nicht ganz unschuldig daran ist, dass das Buch vor ein paar Jahren wieder exzessiv gekauft und gelesen wurde. Denn meistens steigen erneut die Verkaufszahlen eines Buchws, auf dem ein Film basiert. (Aktuelles Beispiel: "Noah Gordon - Der Medicus". War auch schon in den 80ern ein Bestseller und nun durch den Film schon wieder.)
Wie dem auch sei. Beginnen wir mit einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts.


Jean-Baptiste Grenouille wird 1738 auf einem Fischmarkt und direkt neben einem Friedhof in Paris zwischen Dreck und Gestank unter einem Schlachttisch zur Welt gebracht. Seine Mutter interessiert sich nicht für ihr Neugeborenes und will es samt Fischresten wegspülen. Durch sein Geschrei macht der kleine Jean-Baptiste auf sich aufmerksam. Er wird von Passanten gerettet und seine Mutter wegen Kindesmord angeklagt und hingerichtet.

Als Säugling wird er von Amme zu Amme herumgereicht, doch diese bemerken schnell dass er keinen eigenen Körpergeruch hat. Sie vermissen den angenehmen Geruch eines Babys und finden ihn unheimlich. 

Jean-Baptiste oder auch "Grenouille" kommt zu Madame Gaillard, die Waisenkinder aufzieht und wo er auch keine Liebe erfährt. Von den anderen Kindern wird er gemieden und sie versuchen, ihn zu ersticken.

Die Zähigkeit, die Grenouille schon auf dem Fischmarkt nach seiner Geburt bewiesen hatte, hilft ihm nun auch das harte Leben und Krankheiten bei einem Gerber zu bestehen, an den er verkauft wurde und für den er als Achtjähriger zu arbeiten beginnt. 

Schon immer spielen Gerüche und das Riechen eine besondere Rolle. Grenouille hat eine sehr gute und sensible Nase, weshalb er einst, bei einem Spaziergang durch Paris, so betört von einem Geruch ist, dass er seine Fährte aufnehmen und ihm folgen muss. Er gelangt bei einem jungen Mädchen an, die diesen Duft verströmt. Er will diesen Geruch in sich aufsaugen, für immer behalten und tötet das Mädchen. Doch schnell merkt er, dass somit auch der Geruch verfliegt.
Grenouille arbeitet auf das Ziel hin, Gerüche konservieren zu können.

Durch eine Lieferung, die er bei einem Parfümeur abgeben muss, gelangt er in die Werkstatt dessen und kann sein Können, trotz mangelnder Fachkenntnisse, beweisen.
Nach anfänglichen Zweifeln kauft der Parfümeur Baldini den jungen Lehrling ein und verspricht sich davon, sein Geschäft wieder zum Laufen zu bringen, nun da er einen so talentierten Lehrling hat. Grenouille erlernt die Grundtechniken, Düfte zu extrahieren und zu konservieren und entwickelt neue Parfums, die Baldini in ganz Paris  bekannt und beliebt machen.

Irgendwann hat Grenouille alles erlernt, was er hier erlernen konnte und zieht weiter nach Grasse, um dort weitere Techniken zu erlernen, Düfte von festen Stoffen festzuhalten.
Auf seiner Reise nach Grasse ekelt er sich stark vor dem Menschengeruch. So sehr, dass er nicht mehr die Wege benutzt, sondern in der Natur herumwandert, wo keine Menschenseele sich befindet.
Er verkriecht sich sieben Jahre lang in einem Erdloch und ernährt sich von Moos und Echsen.
Obwohl er wie ein Tier dort in seiner Höhle lebt, träumt er davon, Macht über die Menschen zu haben.
Ungepflegt, verroht und tierischer, als er es je zuvor war, begibt sich Grenouille irgendwann wieder in die Welt der Menschen und wird von einem Marquis für gesundheitliche Forschungszwecke aufgenommen. Grenouille nimmt wieder Gestalt hat, was der Marquis auf seine Kappe schreibt.

Währenddessen hat Grenouille begonnen, einen menschenähnlichen Duft aus allerlei ekelhafter Dinge herzustellen und diesen aufgelegt. Er gehört nun dazu, ist einer von ihnen, er ist nicht mehr unsichtbar, wie als er noch keinen Duft besaß.

In Grasse, in der Werkstatt der Witwe Madame Arnulfi und ihres Gesellen, erlernt er neue Techniken zur Duftgewinnung.
Bei einem Spaziergang nimmt er erneut den Duft eines jungen Mädchens wahr. Er ist betört von diesem Duft und will ihn besitzen - doch erst wenn sie eine junge Frau ist.
Der Duft des Mädchens Laure ist die wichtigste Zutat für sein perfektes Parfum, dass er nun herstellen will.

In der Stadt Grasse häufen sich Morde an jungen Mädchen und Frauen. Sie werden nackt und kahl geschoren vorgefunden. Die Stadt ist ängstlich und ratlos. Jean-Baptiste, der Mörder dieser Frauen, hat ihre Düfte konserviert und sie zu Zutaten seines perfekten Parfums gemacht.
Laures Vater hat Angst um seine Tochter und verlässt mit ihr die Stadt.
Grenouilles nimmt mithilfe seiner guten Nase die Fährte auf und bringt das Mädchen im Schlaf in einem Gasthof um.
Er konserviert ihren Geruch und verschwindet wieder.

Grenouille wird letztlich geschnappt, gefoltert und zum Tode verurteilt.
Am Tage der Hinrichtung steigt Grenouille aus der Kutsche auf den Platz, wo sich schon alle versammelt haben, um die Hinrichtung mit anzusehen. Er trägt sein perfektes Parfum, das eine besondere Wirkung auf die Menschen ausübt...

So, da ich hier mal nicht spoilern wollte, habe ich das Ende einfach weggelassen. 
Meine Meinung zu dem Buch?
Das Buch überzeugt natürlich durch seine Sprache. Die Geschichte ist in einer relativ gehobenen Sprache verfasst und Süskind versteht es, einem Umgebungen und Gerüche glaubhaft zu machen. Auch hat die Sprache von ihm stets einen Unterton, den ich nicht beschreiben kann. Es ist nicht ironisch, auch nicht sarkastisch. Vielleicht irgendwas zwischen Zynismus und schwarzem Humor?
Da sich die ganze Zeit die Gerüche und das Riechen durch die Geschichte ziehen und mit ihnen alles verbunden ist, bekommt man als Leser langsam das Gefühl, dass der olfaktorische Sinn eventuell wirklich der wichtigste und ausgeprägteste ist.
Mit ihnen verbindet vor allem Grenouille auch immer Liebe und Hass. Es scheint, als ist er verliebt, wenn er einen schönen Geruch wahrnimmt. Und mit der Abneigung zu bestimmten Gerüchen von Menschen entwickelt sich auch sein Menschenhass.

An vielen Stellen wird Grenouille wie ein Tier und gleichzeitig als Genie beschrieben. Er verkörpert ein niedriges tierisches Wesen und eine hohe Intelligenz in einem.

Grenouille verachtet die Menschen, sehnt sich aber auch danach, von ihnen geliebt und akzeptiert zu werden. Als er merkt, auf welche Art und Weise er akzeptiert wird (dadurch, dass er einer von ihnen wird, sich ihnen anpasst), verachtet er sie nur umso mehr:

Grenouille lief hin und mischte sich unter die Menge. Er drängte, bohrte sich in sie hinein, dorthin wollte er, wo die Menschen am dichtesten standen, hautnah sollten sie um ihn sein, direkt unter die Nase wollte er ihnen seinen eigenen Duft reiben. Und er spreizte die Arme mitten in der drangvollen Enge und spreizte die Beine und riß sich den Kragen auf, damit der Duft ungehindert von seinem Körper abströmen könne... und seine Freude war grenzenlos, als er merkte, daß die andren nichts merkten, rein gar nichts, daß all diese Männer und Frauen und Kinder, die ringsum an ihn gepreßt standen, sich so leicht betrügen ließen und seinen aus Katzenscheiße, Käse und Essig zusammengepantschten Gestank als den Geruch von ihresgleichen inhalierten und ihn, Grenouille, die Kuckucksbrut in ihrer Mitte, als einen Menschen unter Menschen akzeptierten.

So stand Grenouille wohl eine Viertelstunde im Schoß der Menge, ein fremdes Kind gegen die scheinheilige Brust gedrückt. Und während die Hochzeitsgesellschaft vorbeizog, begleitet vom dröhnenden Glockengeläut und vom Jubel der Menschen, über die ein Regen von Münzen herabprasselte, brach in Grenouille ein anderer Jubel los, ein schwarzer Jubel, ein böses Triumphgefühl, das ihn zittern machte und berauschte wie ein Anfall von Geilheit, und er hatte Mühe, es nicht wie Gift und Galle über all diese Menschen herspritzen zu lassen und ihnen jubelnd ins Gesicht zu schreien: dass er keine Angst vor ihnen habe; ja kaum noch sie hasse; sondern dass er sie mit ganzer Inbrunst verachte, weil sie stinkend dumm waren; weil sie sich von ihm belügen und betrügen ließen; weil sie nichts waren, und er war alles! Und wie zum Hohn presste er das Kind enger an sich, machte sich Luft und schrie mit den andern im Chor: "Hoch die Braut! Es lebe die Braut! Es lebe das herrliche Paar!" 
  
Die Ideen in der Geschichte sind ziemlich interessant. Das Wissen Süskinds um Gerüche, und Parfums sehr fundiert, weshalb er es schafft, einen in eine andere, meistens weniger schöne Welt zu entführen.
Man erkennt einige Anspielungen (z.B. Schöpfungsgeschichte) wieder, was ich sehr interessant finde.
Außerdem ließe sich dieses Buch, wie bei den obigen Stelle, wunderbar interpretieren. Wenn ich über dieses Buch eine Deutsch-Klausur schreiben müsste, so würde ich mir die Finger wund schreiben. ;)

Trotzdem verstehe ich den Hype nicht. Denn an einigen Stellen ist die Geschichte langweilig oder langatmig geschrieben, die Beschreibung zur Herrstellung der Düfte lässt einen gewöhnlichen Wenigleser doch eher ungeduldig werden. Teilweise waren auch mir die Beschreibungen zu minutiös.
Auch ist die Geschichte nicht wirklich atemberaubend und es gibt keine Figur, mit der man mitfiebert und mit der man sich identifiziert. Grenouille ist zwar der Protagonist der Geschichte, wird aber wahrscheinlich von den meisten Lesern als abscheulich empfunden. Obwohl er in seiner Kindheit leiden musste, entsteht kein richtiges Mitgefühl für ihn.

Fazit: Unterhaltsam, aber nicht kurzweilig. Bildhafte ausdrucksstarke Sprache, die einen in eine andere Welt entführt. 3 Sterne!








Kommentare:

  1. Es ist mittlerweile auch schon etwas her, seitdem ich das Buch gelesen habe, aber ich habe es sehr, sehr geliebt. Mich fasziniert der Schreibstil, diese erzählerische Distanz und Kühlheit (z.B. zu Beginn), aber auch die Präzision in dem Beschrieb der Düfte.
    Ich habe das Buch (leider) nach dem Sehen des Films gelesen; war also dadurch schon etwas voreingenommen. In der Tat ist die Verfilmung aber eine der wenigen, die ich gut finde; ausserdem liebe ich die Filmmusik - das muss es wohl wirklich ausgemacht haben, dass ich das Phänomen "Das Parfum" so toll finde.

    Ich konnte übrigens durchaus mit Grenouille (und Laura) mitfiebern, fand den Roman durchwegs spannend und mitreissend. Aber das ist halt auch einfach Geschmackssache. =D

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    1. Den Film habe ich mir gestern Abend gleich im Anschluss an das Lesen angesehen und fand ihn auch sehr gut. Die Musik war wirklich sehr schön und die Drehorte auch (und habe auch direkt Girona wieder erkannt :) )


      Jedoch fand ich Grenouille etwas zu gutaussehend. Im Buch wird er ja nicht gerade schön beschrieben. Er hat einen Buckel, hinkt... Aber das ist im Film ja oftmals so und auch nicht wirklich schlimm. :)

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  2. Liebe Erina, ich muss das Buch unbedingt wieder einmal lesen! Gerade die Stellen, die so detailliert beschrieben werden, haben mir irgendwie gefallen ;-)

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    1. Ohja, teilweise fand ich sie auch wirklich passend. Vor allem in Zusammenhang mit Grenouilles Besessenheit von Düften. Die detailreichen Beschreibungen haben dieser Besessenheit mehr Ausdruck verliehen.
      Nur frage ich mich immer noch, wie die Massen, die sonst eher wenig lesen, damit klar kommen. Die Massen, die auch "Shades of grey" und weitere, ich sag mal, weniger anstrengende Literatur lesen. ;)
      "Das Parfum" hat ja jetzt schon einen Klassiker-Status erreicht. Andere Klassiker hingegen werden von jenem Publikum nicht von der Kneifzange angefasst.
      Mir stellt sich eben die Frage, wie solche Hypes entstehen und warum gerade das Buch so viel gelesen wurde, andere Bücher auf diesem Niveau aber nicht.
      :-O

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