Freitag, 24. Januar 2014

[Rezension] Robert Ide - Geteilte Träume - Meine Eltern, die Wende und ich


Der Journalist Robert Ide ist 14 als die Mauer fällt und mit diesem politischen Wandel kehrt nicht nur Euphorie in die Familien der "neuen Bundesländer" ein, sondern auch Ernüchterung, Verzweiflung und ein Gefühl von Heimatlosigkeit.
Robert Ide erzählt viele private Anekdoten von sich, seinen Freunden und anderen Menschen aus Ost-Berlin und der sächsischen Heimatstadt seiner Eltern, die sich vor, während und nach der Wende abspielten. 

Interessant ist, dass man hier nicht auf ein Buch trifft, das vollgestopft ist mit Ostalgie à la "Ach wie gut waren unsere Spreewaldgurken!" oder Selbstbemitleidung à la "Wir hatten doch nüscht!" Eher ist es ein Bericht, der relativ gefühlsduselfrei widergibt, wie es einigen Menschen während dieser Zeit ergangen ist und welche Fakten dabei reinspielten.

Viele Anekdoten sind teilweise zum Schmunzeln und auch die Reflektion auf die DDR-Vergangenheit erfolgt irgendwie selbstironisch, aber auch kritisch. 
So fragt sich der Autor zum Beispiel, warum viele nichts getan haben, um Freiheit zu erlangen; wer wohl alles bei der Stasi war; wie das Verhältnis zwischen ost- und westdeutschen Bürgern ist usw.
Man erfährt aber auch Kleinigkeiten über den DDR-Alltag: Man freute sich, wenn man mal kubanische Orangen ergatterte; Männer mussten sich 3 Jahre verpflichten, um problemlos zum Abitur und Studium zu gelangen; Ein Telefon im Haushalt war keine Selbstverständlichkeit; Die Stasi wurde liebevoll "Horch und Guck" genannt; Im eigenen Kleingarten hatte man seine Ruhe - wenn auch direkt an der Mauer und die Kinder machten Urlaub im Ferienlager oder im Kurheim 
Über den Autor und sein Umfeld erfährt man, was die Hürden in der DDR waren, was für Träume sie nach der Wende hatten und inwieweit jeder einzelne seinen Lebensweg dabei gemeistert hat. Es entstehen hier verschiedene Lebenseinstellungen, Ansichten und Lebenswege, die geprägt sind von Unsicherheit, Neugierde, Träumerei, Heimweh und innerlicher Zerrissenheit.

Kritisch wird natürlich auch die Wende betrachtet, zum Beispiel wenn es um die "Vernichtung" etlicher Arbeitsplätze geht.
In der DDR wurden in der Schule die negativen Folgen des Kapitalismus und Imperialismus gelehrt: Wohnungsnot durch Spekulanten, Armut, Kinderarmut. Und es ist irgendwie erschreckend, wenn man liest, was für "Propaganda" damals dort gelehrt wurde, die sich dann aber doch in der BRD aktuell bewahrheitet. So sind Kinderarmut und Wohnungsnot in den Großstädten aktuell wie nie, wodurch man fast zwangsweise in die Position gerät, zu sagen: "Nicht alles an der DDR war schlecht." und "Die Wende hat nicht nur Gutes mit sich gebracht."
Die DDR-Bürger mussten ihre Freiheit in vielen Dingen einbüßen. Doch wie sieht es im Westen aus? Ist Kinderarmut wirklich so viel besser?
Viele Themen werden in diesem Buch zwar nicht ausführlich eruiert, regten mich aber zum Nachdenken an. Folgende Fragen kommen mir dabei in den Sinn:

  • Kam die Wende dann doch zu schnell?
  • Waren die Bürger der DDR überhaupt bereit dazu?
  • War das System der BRD überhaupt bereit dazu?
  • War die Wende überhaupt gewollt oder wurden die Menschen damit überrumpelt?
  • Auch wenn die Menschen der ehemaligen DDR an Freiheit gewonnen haben, wurde ihnen durch die Wende nicht wieder ein anderes politisches und gesellschaftliches System übergestülpt, nach dem sie sich nun richten mussten?
  • Warum wurde von der DDR nichts übernommen? (Kinderbetreuung, Industrie, Schulformen)

Zusammenfassend könnte man sagen, dass dieses Buch ein unterhaltsamer und informativer Schmöker ist, der private Erfahrungen mit Fakten über die Zeit, rund um die Wende, verknüpft und somit Einblick in eine andere, vielleicht aufregende, vielleicht schwierige Zeit gebietet. Vor allem für mich als "Wessi" interessant, da ich keine Familienmitglieder habe, die mir von dieser Zeit berichten können. An einigen Stellen hätte ich mir aber mehr persönliche Anekdoten und weniger faktisches gewünscht.

Fazit: 3 Sterne!







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