Samstag, 4. Januar 2014

[Rezension] Sebastian Schwarz - Martha My Dear - eine moderne Ballade -



Ballade oder Erzählung? Gedicht oder Prosatext? Märchen oder sogar ein 107-Seiten langer Pop-Song? 
Manchmal scheint die Einordnung eines Textes gar nicht so einfach zu sein. Manchmal aber auch gar nicht nötig, wenn man ihn vor allem als eines betrachtet: Ein Kunstwerk.

Im Jahre 2005 erschien das dünne Heftchen mit einer verwobenen, poetischen Geschichte, des damals 21-Jährigen Sebastian Schwarz.

Im Prolog erfahren wir, dass ein Ich-Erzähler, ein "Geschichten-Erzähler", wie wir später heraus finden, eine Straße entlang geht und plötzlich auf eine bebrillte, anzugtragende Leiche stößt. Der Ich-Erzähler ist verwirrt, denn plötzlich hört er eine Stimme, die er nicht als seine eigene identifiziert. Die Leiche spricht mit ihm. Der Tote stellt sich als Hermann Harriot vor, einen Schriftsteller, der "die Macht der Idee unterschätzt hat" und gar nicht weiß, warum er da liegt, wie ihm geschehen ist.
Hermann Harriot erzählt die Geschichte von Martha, seine wohl einzige, selbst erfahrene Geschichte. Denn einst, als er dreizehn Jahre alt war, schickte ihn seine Mutter nach draußen zum Spielen, da er schon die meiste Zeit in seinem Zimmer verbrachte. Am See traf er auf "die Martha der Welt", in die er sich sofort verliebte, die ihn aber nur an der Nase herum führte.
Dieser erlebte Schmerz und die Scham trieben ihn wieder zurück in sein Zimmer, zu seiner Schreibmaschine, an der er "die Martha des Kopfes" entstehen ließ, ein tanzendes wunderschönes, Männer verschlingendes Wesen, im "Haus der Lichtfliegen". Hermann erzählt, dass er sich aufmachte, um diesen Ort zu finden, um die Geschichte beenden zu können. Doch dann war sein Plan schnell zu Ende und er kann sich nur noch daran erinnern, dass er pinkeln musste. Dem Schriftsteller Hermann Harriot und dem Geschichten-Erzähler fällt kein passendes Ende ein.

Szenenwechsel: Vier Kiffer-Freunde und allesamt große Beatles-Fans sitzen zu Hause auf ihrer grünen Couch und leben ihr alltägliches Leben. Sie ähneln vom Wesen den echten Beatles, weshalb sie deren Namen übernehmen und als Gruppe "die Beatles" genannt werden. 
Sie beschließen, etwas anders zu machen als sonst: Sie wollen ihr dunkles Kiffer-Zimmer und ihre platt gesessene gemütliche Couch verlassen und mal wieder etwas erleben. Nach einer Diskussion der Freunde machen sie sich mit einem gestohlenen Auto auf und überfahren aus Versehen einen pinkelnden Mann - Hermann Harriot.
Die Beatles laden die Leiche in das Auto und suchen einen Ort, an dem sie sie verstecken können und finden auch alsbald ein altes Haus vor. Sie ahnen noch nicht, dass es das "Haus der Lichtfliegen" ist. 
Es folgt ein Endkampf zwischen Martha, Beatles, Zombies, Geschichtenerzählerei und der Liebe, dessen Ergebnis dem Geschichten-Erzähler und dem Schriftsteller ein Ende bietet...

Diese Erzählung ist auf diesen relativ wenigen Seiten recht schnell erzählt, aber kann sich als wortgewaltiges Textstück auf hohem Niveau sehen lassen. Trotz der Verworrenheit und der manchmal seltsamen Einfälle oder Wendungen, kann man sich sehr gut einfühlen in das Buch. Ich habe oftmals sehr staunen müssen über die Stilelemente, die wunderbar eingeflochten sind in diese Geschichte und auch die Verweise auf Beatles-Song, so zum Beispiel als passende Kapitel-Überschrift, sind sehr passend.
Negativ anzumerken wäre, dass das Lektorat, sofern eines vorhanden war, es versäumt hat, einige Fehler in dem Text zu korrigieren. Denn das stört manchmal den Lesefluss und lässt einen wundern, da diese in der schönen, ausdrucksstarken Sprache umso mehr auffallen.

Fazit: Lieber Sebastian, mehr davon! 4 Sterne!


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