Freitag, 4. April 2014

[Rezension] Benjamin Lebert - Kannst du


"Zwei Leute sitzen nebeneinander im Kinosaal. Sie kennen sich nicht, sie haben nichts miteinander zu tun. Doch beide können sich mit einer bestimmten Figur des Filmes, den sie gerade ansehen, identifizieren. Würden die beiden jeweils mit mindestens drei Paketen beladen in einer Deutsche-Post-Filiale in der Schlange stehen, würden sie sich höchstwahrscheinlich anmaulen, gegenseitig fertig machen und empört denken: Es gibt schon schlimme Menschen auf dieser Welt!, nur um dann am Abend wieder, jeder für sich, ins Kino zu gehen oder ein Buch aufzuschlagen und voller Begeisterung bei zwei ganz ähnlich beschaffenen Figuren oder gar bei ein und derselben Figur zu denken: Das bin ich!"

Benjamin Lebert ist den meisten (so auch mir) bekannt durch seinen verfilmten autobiografischen Roman "Crazy". Ich habe das Buch damals im Deutschunterricht lesen müssen und wie vielen anderen ist mir vor allem die Szene im Kopf hängen geblieben, in der die Jungs auf einen Keks onanieren.

Ich wollte schon immer mal was neues von ihm lesen, sehen wie sich sein Stil entwickelt hat und heraus finden, über was für Themen er so schreibt. Auf meinem Wunschzettel hatte ich lange seinen Roman "Der Vogel ist ein Rabe" stehen. Nun fiel mir aber sein Roman "Kannst du" in die Hände, von dem ich bis dahin noch nichts gehört hatte und las ihn jetzt in ein paar Tagen durch.

Zum Inhalt:  Tim und Tanja lernen sich in Berlin kennen und haben eine zwanglose Affäre miteinander. Weil ihr eine Freundin abgesagt hat, fragt Tanja Tim, ob er sie auf eine Rucksackreise nach Skandinavien begleiten will. Tim sagt zu und auf ihrer Reise erlebt der Leser eine Berg- und Talfahrt durch kleine Erlebnisse und vor allem durch die Welt der Gefühle.

Eine interessante Geschichte. Sie ist leserlich geschrieben und spannend aufgebaut. Es werden viele Informationen und Tatsachen eingestreut: So erfährt man zum Beispiel, dass sich Tims Bruder das Leben genommen hat, dass Tanja ihren Vater nicht einmal als einen Menschen bezeichnen würde, dass ihre Mutter sie ständig dazu nötigt, ihren Lebenslauf mit Auslandsaufenthalten und Praktika aufzupimpen, dass Tim einmal eine Affäre mit einer Russin hatte und sie ihm sagte, dass sie schwanger von ihm ist, dass Tim gerne zu Prostituierten ging und geht, dass Tanja einen an der Waffel zu haben scheint und so weiter und so fort.
Am Ende des Lesens stand ich jedoch mit diesem Haufen an Informationen alleine gelassen da. Nichts klärte sich auf. Die ganze Geschichte schien ziellos ins Leere zu laufen. 
Ich las lauter Sachen, von denen ich dachte, dass sie bedeutungsschwanger seien und am Ende zu einem großen Ganzen führen würden. Taten sie aber nicht. Während des Lesens dachte ich mir oft: "Tolle Idee, das wird bestimmt so und so enden! Der und der hat bestimmt damit was zu tun!" Die Geschichte endete aber leider ziemlich abgehackt. Hatte Benjamin Lebert keine Lust mehr, ein vernünftiges Ende zu konstruieren? Hatte er keine Zeit mehr, da er eine Deadline einhalten musste?
Zu Gute halten muss ich dem Buch jedoch den Stil, der mir sehr gefiel und die beiläufigen Vergleiche, Zitate und Verweise auf Größen aus Kunst und Kultur. Sowas lese ich immer ganz gerne, vor allem wenn es passt und nicht geklugscheißert wirkt, was bei Lebert überhaupt nicht der Fall war.
Doch was war das jetzt für ein Roman? Was war das Ziel dessen? Was war die Aussage?
Da hätte ich wirklich gerne eine Antwort drauf.

Fazit: Guter Anfang, gute Ideen, lockerer und jugendlicher Stil und irgendwie poetisch, aber insgesamt ein Buch, das im Nichts endet.

3 Sterne!



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