Montag, 30. Januar 2017

Die Renaissancen der Popliteratur

Die 90er Jahre feiern gerade ein Revival. Viele modische Elemente dieser Zeit kommen zurück, man sieht junge Menschen mit Tattoo- und Samthalsbändern um den Hals, Bomberjacken, Adidas Super Stars an den Füßen. Musikvideoproduzenten imitieren den Stil dieser Zeit; digitale Aufnahmen werden so bearbeitet, dass sie an Glätte und Schärfe verlieren und an Aufnahmen von vor 20 Jahren erinnern. Die Kinder spielen wieder Pokémon und erfreuen sich über Pikachu-Kuscheltiere, so wie es schon Kinder in den 90er Jahren taten. Die 90er Jahre sind nicht mehr nur eine vergangene Zeit, ihre Produkte, ihr Zeitgeist werden mittlerweile, mit dem nötigen zeitlichen Abstand, als Stil- und Ausdrucksformen wahrgenommen, die es wert sind, wieder aufleben zu lassen. Die 90er Jahre sind nicht einfach nur noch trashig, verrückt und bunt. Sie sind nun vor allem eines: Eine letzte Zeit, in der junge Menschen ohne dauerhafte Internetbeschallung zurechtkamen, sich immer wieder neu erfanden und für Dinge (ein)standen, indem sie sich Subkulturen zuwanden. 

Dieses Lebensgefühl  hielten Vertreter ihrer Generation fest in Romanen, die zur sogenannten Popliteratur gezählt wird. Popliteratur zeichnet sich meistens dadurch aus, dass Bezug genommen wird auf die Massenmedien: Musik, Fernsehen, Werbung, Internet und Kino. Es findet ein Bruch mit der Hochkultur und ästhetischen Normen statt. Andererseits ist ein hohes Maß an Selbstinszenierung (sei es als Autor, als Künstler, als Subkultur oder als Generation) erkennbar. Konsumgüter werden fetischisiert aber auch hinterfragt. 
Meist junge Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Rainald Goetz oder Thomas Meinecke veröffentlichten Ende der 90er Jahre die Romane ihrer Zeit und lösten damit eine Rennaissance der Popliteratur aus.

Dieser Hype wird, wie jeder Trend, nach einigen Jahren abgeebbt sein. Die Leserschaft wurde älter, widmete sich wahrscheinlich der Belletristik des diogenes-Verlag und vor allem war die Luft der Selbstreflexion erst einmal raus. Die jungen Menschen der 90er hatten sich und ihre Zeit reflektiert: Techno, Drogen, HipHop, Wende, Grunge, Kriege, Jahrtausendwechsel und technischer Fortschritt waren die Dinge, die die jungen Menschen damals beschäftigten. Mit den 2000ern wuchs eine ernüchterte Generation nach, eine orientierungslose Generation, die mehr oder weniger mit Wohlstand aufgewachsen ist, die in einem hohen Maße akademisiert ist, die sich fast völlig von Subkulturen entfernt und überall dort feiert, wo es Spaß macht. Sei es auf Festivals, Techno-Partys, Rock-Konzerten, Hiphop- und Poetry-Slams oder Holi-Veranstaltungen. Hauptsache bunt, laut und medial herzeigbar. Facebook und andere soziale Netzwerke spielen eine Rolle. Selbstinszenierung ist das Stichwort. Digitale Fotoalben mit Fotos vom Australien-Trip, Selfies, auf denen jeder sein bestmöglichstes Selbst darstellt oder wilde, alternative Festivals, die zeigen: "Guck mal, ich hab was erlebt!". Virtuelle Steckbriefe, die besagen, wie kulturell gebildet man ist: Tarantino-Filme, Coelho-Romane und Bon Iver. Eine Generation, die sich nicht nur musikalisch nicht festlegen will, sondern auch politisch nicht, eine Generation von Nichtwählern, von Menschen, denen der Aktionismus fehlt. Menschen, denen es scheinbar zu gut geht, um etwas ändern zu wollen. Die Berufswahl spielt ebenfalls eine große Rolle. "Mach dein Abitur, dann wird auch 'was aus dir!" tönt es aus dem ganz gut situierten Elternhaus. Sie alle machen Abitur, sodass es letztlich an Wert verliert und überlegen verzweifelt, was aus ihnen werden könnte. Künstler muss man sein, Schauspieler, Kommunikationsdesigner oder Schriftsteller. Etwas aufregendes, vielleicht sogar ein Start Up-Unternehmen gründen, vielleicht eine App entwickeln und damit reich werden. Bloß nicht wie Muddi und Vaddi dreißig Jahre lang in derselben Firma arbeiten und dabei starren Hierarchien unterliegen. Aber erst einmal in einer fremden Stadt Germanistik studieren oder Kulturwissenschaften oder Soziologie.  Eine neue Stadt, ein neues Land, irgendwohin, wo Action ist. Beziehungen, Ehe und Familienplanung wird in die dunkle Zukunft geschoben, man ist noch zu sehr Peter Pan, um sich auf Erwachsenendinge festzulegen. Auch mit Ende zwanzig. Die neue Generation bricht ab und negiert. Sie probiert sich aus und weiß, was sie nicht will. Was sie aber will, das ist ihr unklar. 

Doch sie wird sich ihrer selbst bewusst. Die Jugend ist wieder in der Lage, zu reflektieren, all diese Elemente ihrer Generation kann sie bereits kritisch hinterfragen, auch wenn sie noch mitten drin steckt. Sie verarbeitet dies in Popliteratur. Ja, sie ist wieder da. Popliteratur-Rennaissance 2.0.

Die Popliteraten unserer Zeit, die den Menschen, die zwischen Adoleszenz und Familiengründung stehen, eine Stimme geben, sind vermehrt in den Bücherregalen, auf Blogs und auf Bestseller-Listen zu finden. Hier mal eine kleine Auswahl. (Beschreibungen von Amazon)

Julia Zange - Realitätsgewitter 



"Marlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst."


Benjamin von Stuckrad-Barre - Panikherz




"Abschied von der Nacht: Benjamin von Stuckrad-Barres Comeback.
Er wollte genau da rein: zu den Helden, in die rauschhaften Nächte – dahin, wo die Musik spielt. Erst hinter und dann auf die Bühne. Unglaublich schnell kam er an, stürzte sich hinein und ging darin fast verloren. Udo Lindenbergs rebellische Märchenlieder prägten und verführten ihn, doch Udo selbst wird Freund und später Retter. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt eine Geschichte, wie man sie sich nicht ausdenken kann: Er wollte den Rockstar-Taumel und das Rockstar-Leben, bekam beides und folgerichtig auch den Rockstar-Absturz. Früher Ruhm, Realitätsverlust, Drogenabhängigkeit. Und nun eine Selbstfindung am dafür unwahrscheinlichsten Ort – im mythenumrankten »Chateau Marmont« in Hollywood, in das ihn Udo führte. Was als Rückzug und Klausur geplant war, erweist sich als Rückkehr ins Schreiben und in ein Leben als Roman. Drumherum tobt der Rausch, der Erzähler bleibt diesmal nüchtern. Schreibend erinnert er sich an seine Träume und Helden – und trifft viele von ihnen wieder. Mit Bret Easton Ellis inspiziert er einen Duschvorhang, er begegnet Westernhagen beim Arzt und Courtney Love in der Raucherecke und geht mit Thomas Gottschalk zum Konzert von Brian Wilson. Andere sind tot und werden doch gegenwärtig, Kurt Cobain, Helmut Dietl. 

Stuckrad-Barre erzählt mit seiner eigenen Geschichte zugleich die Geschichte der Popkultur der letzten 20 Jahre. »Panikherz« ist eine Reise in die Nacht, eine Suche nach Wahrheit, eine Rückkehr aus dem Nebel."

Ronja von Rönne - Wir kommen




"I
n Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord."



Stefanie Sargnagel - In der Zukunft sind wir alle tot



"Lässig, derb und immer sehr alltagsweise schreibt Stefanie Sargnagel seit vielen Jahren über das einfache Leben. Mittlerweile hat die Wiener Autorin und Künstlerin mit ihren Büchern, Artikeln und Posts Kult-Status erreicht. Ungeachtet dessen nimmt sie in ihrer Kritik an jeglichem rechten Gedankengut kein Blatt vor den Mund, ätzt gegen die FPÖ, gegen Patriarchate, steht aktiv für die Flüchtlingshilfe ein. Die Wiener Zeitung lobte, wie sie inklusive Fäkalhumor und Versagensexhibitionismus die aktuelle Leistungsgesellschaft konterkariere. „Mein Lebensstil erschließt sich halt aus einer Mischung aus Unfähigkeit, Unentschlossenheit, Gleichgültigkeit und Verweigerung, ich bin die personifizierte Wohlstandsverwahrlosung“, schrieb sie in einem Vice-Artikel. „Hellsichtige Miniaturen.“ (Elisabeth Dietz, Bücher-Magazin) „Ihre Alltagsbeobachtungen, Aphorismen und Adoleszenz-Raps treffen einen Nerv.“ (taz) „Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie mit Ausnahme von Rainald Goetz und seinem Online-Tagebuch Abfall für alle die erste deutschsprachige Autorin ist, die im Netz die Form für sich gefunden hat, die passt, die nicht nervt, die als Literatur funktioniert.“ (Süddeutsche Zeitung)"


Alexandra Kleeman - A wie B und C



"A ist eine attraktive junge Frau. B ist ihre Mitbewohnerin, die um jeden Preis so aussehen möchte wie A. C ist As Freund und schaut mit ihr am liebsten Haifisch-Dokumentationen oder Pornos. Als A eines Tages verschwindet, ahnen B und C nicht, dass sie sie womöglich nie wiedersehen werden. A wie B und C erzählt mit scharfem Blick und hintergründigem Humor von unserer Obsession, perfekt zu sein: wie Realityshows, Werbung und abstruse Trends uns in Beschlag nehmen und zu Leibeigenen unserer Körper machen."


Wolfgang Herrndorf - In Plüschgewittern






"Dies ist die Geschichte eines Mannes um die dreißig, der auf dem Weg aus der westdeutschen Provinz in die Szenequartiere der Hauptstadt wenig tut, aber viel mitmacht. Der seine Umwelt beobachtet, sie mitleidlos kommentiert und im Übrigen an sich und der Welt leidet. So einer passt nach Berlin, denn Berlin heißt: Endloses Gerede, viel Durst, vager Durchblick, kein Plan. Keine Arbeit sowieso, dafür ab und zu Altbau-Partys, bei denen auch schon mal jemand vom Dach fällt. Doch dann widerfährt unserem Helden ein Miss­geschick: Er verliebt sich."




Benedict Wells - Spinner






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Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.« 

Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen."



Die 90er Jahre feiern ein Revival. Und so tut es auch die Popliteratur. Die jungen Menschen von heute haben auf ihre literarischen Vorgänger zurückgeblickt, sie haben den Sinn und Wert darin erkannt, dem eigenen Lebensgefühl eine Stimme zu geben. Sie sind nun bereit, auf ihr eigenes Leben zurück zu blicken und ihrer Stimme Raum zu geben.



Quellen: 

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