Mittwoch, 11. Januar 2017

[Rezension] Joyce Johnson - Warten auf Kerouac


Seit fast 10 Jahren interessiere ich mich für die Werke von Jack Kerouac, einem Schriftsteller, der zur sogenannten Beat Generation gezählt wird. Die Schriftsteller und Dichter der Beat Generation schrieben und veröffentlichen in den 50er Jahren in den USA. Untereinander kannten sie sich größtenteils. Sie wohnten hauptsächlich in New York und San Francisco oder waren sogar rastlos, ständig unterwegs. Sie gelten als erste Vertreter der Popliteratur. 
Durch Kerouacs autobiografische Romane hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihn und sein Leben kenne. Ich liebe seinen Schreibstil und seine Romane wecken eine große Sehnsucht in mir. Interessant ist es deshalb für mich, das alles aus der Perspektive einer seiner (quasi unzähligen) Frauen zu lesen und zu erfahren, wie sie ihn als Mensch erlebt hat. Jedoch ist ihr Werk mehr als ein Warten auf Kerouac. Es geht viel um sie selbst, um ihr Leben und dieses Buch ist ein Zeugnis der amerikanischen 50er Jahre.

Inhalt
Auf ca. 312 Seiten erzählt die 1935 geborene Joyce Johnson von ihrer Jugend und ihrem jungen Erwachsenenalter. Sie erzählt, wie sie zur Enttäuschung ihrer Mutter das Komponieren aufgibt, wie sie und ihre Freundin in die Untergrund-Szene New Yorks kommen, wie sie letztendlich studieren, ein unabhängiges Leben als ledige Frau in eigenen Wohnungen führen und die Poeten der Beat Genereation kennen lernen. Der Leser wird dabei nicht nur mit ihrer persönlichen "Kerouac"-Geschichte vertraut, sondern erfährt, wie schwer es Frauen in den 50er Jahren noch hatten und wie diese Frauen so langsam Veränderungen ins Rollen brachten. Dabei geht es um Abtreibungen, eigenen Wohnraum, Beschäftigungsverhältnisse, Kleiderordnungen und die Tatsache, dass selbst in der offenen, anders denkenden Beat Generation die Frauen meist nur Nebenfiguren - Minor Characters - waren. 

Meine Meinung
Man merkt sofort, dass Joyce Johnson ebenfalls eine Vertreterin der Beat Literatur ist und von ihrer "Generation" stilistisch inspiriert wurde. Ihr Stil ist unkompliziert und doch geschmückt. Sie fügt Wörter zusammen, um dabei ein neues zu kreieren, manchmal verpackt sie ihren Inhalt in ein kleines Kunstwerk von Worten, sodass dieser nur zwischen den Zeilen zu lesen ist. Ein anderes Mal wiederum sind ihre Sätze kurz und klar.
Was mich jedoch verwirrte, waren ihre scheinbaren Gedankensprünge, die das Lesen manchmal etwas unflüssig machten. 
Ihre Geschichte fand ich -unabhängig von ihrer 2jährigen Beziehung mit Jack Kerouac- sehr interessant. Menschen und ihre Geschichten, die in Zeiten wie den 50er Jahren gegen den Strom schwammen, interessieren mich sehr. Was sieht man doch bloß ständig die Bilder von glücklichen beschürzten amerikanischen Hausfrauen, die Tupperware sammeln und Rezeptideen aus Frauenzeitschriften ausschneiden. Man hört von Teenagern und jungen Leuten, die Rock'n'Roll tanzten. Jedoch wird einem kaum etwas anderes aus dieser Zeit über- und vermittelt. Es gab Menschen, die mit Drogen experimentierten, die Marihuana rauchten, ständig quer durch Amerika reisten, es gab Homosexuelle die ihre Partner oder bezahlbare Jungs liebten, es gab dunkle verqualmte Kneipen und Bars, in denen Jazz gespielt wurde, es gab Menschen, die das Leben, was die Werbung und die Gesellschaft propagierte, ablehnten und hinterfragten. All dies wird in Joyce Johnsons Roman deutlich.
Außerdem kommt ans Licht, was ich mir schon beim Lesen von Kerouacs Romanen dachte: Er ist beziehungsunfähig, er scheint nicht lieben zu können, er konsumiert Frauen wie andere Konsumgüter und vor allem nutzte er sie scheinbar aus. Er nutzte sie aus, wenn er einsam war, wenn er ein Dach über dem Kopf brauchte, wenn er einfach nur Körperlichkeiten oder ein Verbindungsglied zu seinem Freundeskreis suchte. Dies war teilweise sehr unangenehm zu lesen. Joyce Johnson muss bestimmt unglücklich gewesen sein, in der Beziehung, in der Kerouac mit ihr diese On-Off-Spielchen trieb und sich meist nur meldete, wenn er etwas brauchte. 
Interessanterweise beschreibt sie auch seinen Umgang mit dem Ruhm. In der Zeit, als sie mit ihm eine Beziehung hatte, wurde er gerade berühmt. In ihrem Roman kann man erahnen, wohin ihn sein Ruhm führt.

Fazit
Ein interessanter, schnell gelesener Zeitzeugenbericht über die 50er Jahre und die Beat Generation.

3 von 5 Sternen

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