Dienstag, 21. Februar 2017

[Rezension] Knut Hamsun - Hunger

(Bild dient der Veranschauulichung. Ich hatte eine Ausgabe aus den 60er Jahren.)


Knut Hamsun – Ein Literatur-Nobelpreisträger, der, im Gegensatz zu manch anderen Schriftstellern, die den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen haben, relativ unbekannt ist. Dabei inspirierte der 1859 geborene und 1952 verstorbene Norweger andere Literaten wie Hermann Hesse oder Thomas Mann. Und sein Werk „Hunger“, sein erster Roman, war nicht unbeteiligt daran



Inhalt
Ein namenloser Ich-Erzähler schildert seine Not und seinen Verfall durch Armut in der norwegischen Hauptstadt Kristiana (Heute: Oslo). Er ist ein junger erfolgloser Schriftsteller und versucht krampfhaft etwas zu schreiben, um es an eine Zeitung oder ein Theater zu verkaufen. Ab und zu schafft er es, einen Artikel an eine Zeitung zu verkaufen oder anderweitig, oftmals durch Glück, an ein wenig Geld zu kommen. Jedoch hat er nicht genug Geld, um sich ein Dach über den Kopf und Nahrungsmittel zu leisten, sodass er körperlich und psychisch verfällt.

Meinung
„Hunger“ ist in Form eines Bewusstseinsstroms verfasst und war damit einer der Vorreiter dieser Erzähltechnik. Diese schafft es, dass man voll und ganz beim Ich-Erzähler ist, dass man das Gefühl hat, man sitze in seinem Kopf, kann seine emotionale Achterbahnfahrt und teilweise abstruse Gedanken förmlich mitfühlen und -denken. Diese Erzähltechnik kann jedoch auch anstrengend sein, da man als Leser eben kaum Abstand zum Erzähler hat. Ich habe relativ lange für das Buch gebraucht und musste mich immer wieder distanzieren. Schon nach wenigen Seiten.
Das soll aber nur heißen, dass Hamsun es geschafft hat, den Leser in des Ich-Erzählers „Welt“ zu ziehen. Man ist Teil seines Wahnsinns, seiner Beobachtungen und Gedanken. Oftmals weiß man nicht, welche erlebte Situation nun wahr oder ein Teil seiner Wahnvorstellung ist. Man ärgert sich auch über ihn, über seinen falschen Stolz, seine Entscheidungen, sein unüberlegtes Handeln. Der Ich-Erzähler hat kaum Geld, und wenn er welches hat, gibt er es falsch aus, so dass er nicht lange davon essen und überleben kann, sodass das Elend schnell wieder weiter geht, als hätte er nie auch nur eine Öre in der Hand gehabt. Dies führt auch dazu, dass man nicht immer mit dem Ich-Erzähler mitfühlen kann – Im Gegenteil, manchmal widert er einen an, er macht einen wütend, man würde ihm gerne die Meinung sagen, wo man ihm doch so nah ist.
Ich hatte jedenfalls viele verschiedene Gefühle, als ich diesen Roman las und kann sagen, dass Hamsun damit ein ganz besonderes, aufwühlendes Werk geschaffen hat.
Auch sprachlich hat mir dieser Roman sehr gefallen. Die Sprache ist elegant und alltäglich zugleich und man begegnet vielen Wortneuschöpfungen, die aus des Ich-Erzählers Gedanken stammen.

Fazit

Ein kleines Meisterwerk, das den Leser die Gefühlsschwankungen eines Ich-Erzählers miterleben lässt.


4 von 5 Sternen


Kommentare:

  1. Du scheinst die Herausforderungen zu mögen, was Themen und Sprache angeht. ;)

    Dass man sich immer wieder distanzieren muss, das erinnert mich daran, wie es mir auch bei Virginia Wollfs "A Room of Ones Own" ging. Sie ist ja auch eine Bewusstseinströmerin. In seinen eigenen wirren Gedanken kommt man ja noch einigermaßen klar, bis man sich wieder schlafen legen kann. Aber die wirren Gedanken anderer können echt anstrengend sein.

    Das hält mich auch bisher davon ab, Ulyssis zu lesen.

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    1. Hehe, ja, das kann sein. "Anspruchsvolle" Bücher reizen mich sehr. :)

      Bewusstseinsströme können wirklich anstrengend sein. In der Schule habe ich mal "Das Jahr der Liebe" von Paul Nizon lesen müssen und war begeistert. Das fand ich bei weitem nicht so anstrengend wie "Hunger".

      "Ulysses" soll ja wirklich gut sein. Jedoch ist es auch ein ziemlicher Klopper, was mich zum Beispiel davon abhält, es zu lesen. 800 Seiten bewusstseinsströmerei ist womöglich wirklich zu viel des Guten. :D

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  2. Bewusstseinsstrom ist leider gar nicht meins. "Ulysses" habe ich dreimal versucht und jedesmal aufgegeben und mit "Sult" (Hunger) konnte ich auch nicht viel anfangen. Das mag aber auch daran liegen, dass ich das Buch bei meinem Auslandssemester in Oslo fürs Studium auf Norwegisch gelesen und vieles nicht verstanden habe. Möglicherweise müsste ich es nochmal mit der Übersetzung versuchen.

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    1. Trotzdem spannend zu hören, dass du es in der Originalsprache gelesen hast und in Oslo warst. Nach diesem Buch würde ich gerne mal Oslo und die Orte sehen, die im Buch beschrieben wurde, sofern sie noch existieren. :)

      Verstehen kann ich es aber. Wie ich bereits schrieb, kann der Bewusstseinsstrom für den Leser auch ziemlich anstrengend sein. Mich strengte es nervlich oft an, was für mich aber für die Qualität des Geschriebenen spricht. Trotzdem brauche ich nun eine lange Bewusstseinsstrom-Pause. :D

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