Mittwoch, 15. März 2017

[Rezension] Wolfgang Herrndorf - In Plüschgewittern



 Als ich „Tschick“ las, war mir gar nicht bewusst, dass Herrndorf auch als Schriftsteller wirkte, der Bücher für junge Erwachsene schrieb oder gar als Popliterat eingestuft wurde. Ich erfuhr erst nach und nach, dass er andere, für mich interessante Werke, schrieb und jetzt, da ich „In Plüschgewittern“ las, kann ich nicht mehr nachvollziehen, was der Hype an „Tschick“ ist.

Inhalt
Ein um die dreißig-jähriger Ich-Erzähler trennt sich von seiner Freundin Erika, die mit einem Transporter nach Frankfurt fährt, um dort in eine WG umzuziehen. Auch er zieht aus München weg, die Stadt, in der beide studierten und sich kennen lernten. Er fährt nach Norddeutschland, in die Nähe von Hamburg zu seinem Bruder und dessen Frau Marit, wo er in seinem alten Zimmer für einige Tage übernachtet und besucht nahe der dänischen Grenze seine im Sterben liegende Großmutter.
Nach diesem Familienbesuch bricht er wieder auf: Er fährt nach Berlin zu seinem guten Freund Desmond. In Berlin wohnt er in der Wohnung von Desmonds Freund Anthony und lernt in einer Kneipe Ines Neisecke kennen, in die er sich kurzzeitig verliebt…

Meinung
Da hatte ich wohl wieder einen Bewusstseinsstrom (oder kann man sagen Semi-Bewusstseinsstrom?) erwischt. Aber dieser Strom las sich sehr angenehm und gut. Der namenlose Protagonist lässt einen teilhaben an seinen Gedanken, Erinnerungen und Kommentaren. Vieles spielt sich in seinem Kopf ab, sodass die Handlung nebensächlich wird. Zu vielem, was geschieht, nimmt der Ich-Erzähler eine Distanz ein, während Kindheits- und andere Erinnerungen mit emotionaler Wärme und vielen Gefühlen erzählt werden. Der Ich-Erzähler ist ein Misanthrop und hat zu allem und allen geringschätzende Kommentare parat, die durchaus sehr amüsant sind. Ich konnte mich oftmals mit dem Ich-Erzähler sehr gut identifizieren und seine Art zu denken, seine Vergleiche, sein Menschenbild nachvollziehen. Ich musste oftmals schmunzeln, weil ich dachte, dass er völlig recht habe. Klare, kritische und bissige Gedanken wechseln sich jedoch mit verwirrten, alkoholisierten Gedanken ab.

Interessanterweise haben alle vorkommenden Personen, außer des Ich-Erzählers, einen Namen. Viele werden sogar durchweg mit Vor- und Nachnamen genannt, wohingegen der Ich-Erzähler ziemlich anonym bleibt.

Wer „Der Fänger im Roggen“ mochte, wird „In Plüschgewittern“ lieben. Wer „Der Fänger im Roggen“ nicht mochte, wird „In Plüschgewittern“ umso mehr lieben. Hier hat man es mit einem Protagonisten zu tun, der seine Verzweiflung an der Welt und seinem Leben an Dingen festmachen kann, der nicht unnütz Fäkalsprache und Fluchwörter benutzt und trotzdem ein tristes, konfuses Bild seiner Welt skizziert, an dem der Leser teilhaben kann.

4 von 5 Sternen




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