Dienstag, 9. Mai 2017

[Rezension] Julia Zange - Realitätsgewitter


Von "Realitätsgewitter" erfuhr ich durch einen anderen Blog. Ich hatte eine Rezension gelesen, welche mein Interesse für diesen Roman weckte. "Realitätsgewitter" wird dem Genre der Popliteratur zugerechnet, für welches ich mich momentan sehr interessiere, vor allem, wenn es sich dabei um zeitgenössische Popliteratur handelt.

Inhalt 
Marla ist 22, kommt aus der nordrhein-westfälischen Provinz, lebt in Berlin, hat 1675 Facebook Freunde und fühlt sich trotzdem einsam. Sie hat einige Bekannte, Kosmopoliten aus aller Welt, die sich in der Kunst- und Medienwelt herumtreiben, mit denen sie oberflächliche Gespräche führt. Ihr Philosophiestudium hat sie abgebrochen und ihre Eltern haben ihr den Geldhahn zugedreht. Während Marla uns daran teilhaben lässt, wie junge Menschen ihrer Generation so denken und fühlen, was sie in ihrer Freizeit machen und welches Lebensgefühl ihnen inne wohnt, muss sie auf einer Reise in die Heimat und nach Sylt lernen, erwachsen zu werden.

Meine Meinung
Marla ist ein Vorzeigeexemplar der Generation Y. Eine Generation, die nicht weiß, wohin, die keine tiefer gehenden Beziehungen und Freundschaften führt, sich nicht festlegen mag und dadurch eine innere Zerrissenheit und Unzufriedenheit spürt, obwohl sie sonst alles hat. Ich habe vieles, was Marla beschreibt, fühlt, sieht, wieder erkannt, nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Angehörigen dieser Generation. Marla fungiert als Sprachrohr dieser Generation und zeigt auf, wie oberflächlich dieses Leben ist, was wir führen und wie leer die Herzen und Köpfe dieser jungen Menschen sind. 
Mediale und gesellschaftliche Ereignisse rauschen an Marla vorbei, ohne dass sie sich eine Meinung darüber bildet; lustige Tiervideos auf YouTube statt politischer Debatten.

Die Autorin Julia Zange verpackt dies in einen lockeren Stil, wird nicht kitschig und lässt ihren Roman auch nicht wie eine Persiflage aussehen, was nämlich leicht passieren kann, wenn man versucht, eine Generation, eine Zeit, eine Gruppe von Menschen zu charakterisieren. Zange scheint außerdem ein gutes Gehör für die Nonsens-Gespräche zu haben, die allerorts so geführt werden, sie gibt Gespräche wider, die keine Gespräche sind, sondern Worthüllen, die dazu dienen, sich zu präsentieren und den oberflächlichen Kontakt gerade so zu halten.

Die Authentizität, die den Roman umgibt, wird Zange auch zum Verhängnis: Ihre Eltern legten eine einstweilige Verfügung ein, da sie sich in dem Roman wieder erkannten. Eine Erfahrung, die auch der Autor Maxim Biller gemacht hat, dessen Exfreundin sich in seinem Roman "Esra" wieder erkannte und somit gerichtlich durchsetzte, den Roman nicht mehr vertreiben zu dürfen. Und gerade Maxim Biller ist es passenderweise, der auf dem Rücken des Buches zu Wort kommt: "Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!"
Hoffen wir, dass es keine zehn Jahre dauern wird, bis Julia Zange ihren nächsten Roman veröffentlicht. An "Realitätsgewitter" habe ich nämlich großen Gefallen gefunden!

4 von 5 Sternen


Ich bedanke mich herzlich beim aufbau-Verlag über das Rezensionsexemplar!

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